Die Medien als Motor der Revolution

Hans-Hermann Hertle, Mauerfallchronist, über die Rolle der Westmedien

„Die Medien und der Mauerfall“ war der Titel des Vortrags von Hans-Hermann Hertle im Rahmen der Veranstaltungsreihe „Umbruch 1989-1991 – Zentrum und Peripherie“ des Zentrums für Zeithistorische Forschung am 5. Mai 2009 in Potsdam. Die Reihe erinnert einerseits an die damaligen Ereignisse, reflektiert andererseits die Erinnerungskultur der letzten zwanzig Jahre.

Dr. Hans-Hermann Hertle, der Mauerf

Hans-Hermann Hertle, Chronist des Mauerfalls



Hermann Hertle, der Mauerfallchronist, schrieb das mittlerweile in elfter Auflage erschiene Standardwerk „Chronik des Mauerfalls. Die dramatischen Ereignisse um den 9. November 1989“. Auch in seinem Vortrag „Die Medien und der Mauerfall“ erläuterte er die Rolle der West-Medien und vollzog minutiös die Ereignisse der Nacht, in der die Mauer fiel.

Der Mauerfall ist das Symbol für das Ende des Kalten Krieges, für das Ende der Teilung Deutschlands und des europäischen Kontinents. Und es ist das erste welthistorische Ereignis, das als Folge einer vorauseilenden Medienberichterstattung eintrat, so Hertles These.

Welches sind die Bedingungen, die Krisenereignisse in die allgemeine Regimekrise und die allgemeine Krise überführen? Welches ist der Auslöser für den Mobilisierungsschub, aus dem eine Massenbewegung entsteht? Dies sind die zentralen Fragen, denen Hertle in seinem Vortrag naching. In der Betrachtung des gesamten Prozesses fungieren die Medien im Sinne eines „Transmissionsriemens“: Die Bilder der Botschaftsbesetzung in Prag, der Massendemonstrationen, der Flüchtlingszüge demonstrieren das Ende des Systems der DDR, dienen als Beweis der Ereignisse und erzeugen Solidarisierungs- und Nachahmungsprozesse. Doch zum Motor werden die westlichen Medien nur für einen Teil der Revolution: für den Fall der Mauer. Denn in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1989 erzeugt die abendliche Berichterstattung eine Medienfiktion, welche die Massen mobilisiert und schließlich zur Realität wird. Die „Medienspirale“ beginnt sich zu drehen:

Um kurz vor 19.00 Uhr des 9. November 1989 gibt Schabowski die neue Reiseregelung für die DDR bekannt. Die Journalisten der US-amerikanischen Nachrichtenagentur AP interpretieren die Aussage Schabowskis als sofortige Grenzöffnung und verbreitet um 19.05 Uhr die Nachricht „DDR öffnet Grenze“. Auch die dpa (19.41 Uhr) und die Tagesschau (20.00 Uhr) interpretieren daraufhin die Nachricht als Maueröffnung. Einige Menschen in Ost-Berlin begeben sich an die Grenzübergänge und wollen die überraschende neue Reiseregelung ausprobieren. Die Grenzposten haben keine Kenntnis von der Möglichkeit zur sofortigen Ausreise für jeden DDR-Bürger und halten die Grenzen geschlossen. 21.30 Uhr, am Berliner Grenzübergang Bornholmer Straße entschließt man sich für die so genannte Ventillösung und lässt einige Wartende die Grenze passieren, wobei die Pässe der Betroffenen ungültig gestempelt, die Grenzgänger also ohne ihr Wissen ausgebürgert wurden. Um 21.53 Uhr und 21.57 Uhr unterbricht das DDR-Fernsehen das Programm und ergänzt Schabowskis Bekanntmachung durch den Zusatz, dass die Ausreise beantragt werden müsse. Das Redaktionsteam der ARD Tagesthemen, das einen Stimmungsbericht zur Grenzöffnung für den nächsten Tag plant, sendet live vom geschlossenen Grenzübergang an der Invalidenstrasse. Doch der Bericht erklärt dies zur Ausnahme, da schließlich einige DDR-Bürger die Grenze überquert haben, und der Sprecher der Tagesthemen, Hanns Joachim Friedrichs, verkündet „Die Tore in der Mauer stehen weit offen“. Nach diesen Fernsehberichten aus dem Westen erfolgt der Ansturm auf die Berliner Mauer. Die Medienfiktion ist zur Realität geworden.

Hertle belegte die Aussagen seines Vortrags mit eindrucksvollen Filmausschnitten, welche eben diese Ereignisse in der historischen Nacht, in der die Mauer fiel, zeigen.

Im ZZF ist Dr. Hans-Hermann Hertle für den gesamten Bereich der Öffentlichkeitsarbeit, darunter die Herausgabe des ZZF-Bulletins und die Vorbereitung größerer Konferenzen zuständig.

Veranstaltungsbericht: Julia Scaramuzza

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