21. Bautzen-Forum

Unrechtsstaat DDR-Willkür. Gewalt. Macht.

„Unrechtsstaat DDR – Willkür. Gewalt. Macht.“ lautete die Überschrift des 21. Bautzen-Forums der Friedrich-Ebert-Stiftung am 5. und 6. Mai 2010. In seinem einführenden Vortrag entwickelte Joachim Gauck dabei die Idee einer „Kultur der Erinnerung“. Das nachfolgende Podium fragte nach Formen und Folgen für die Opfer. Eingeladen waren die Psychologin Dr. Doris Denis, die Historiker Dr. Udo Grashoff und Dr. Ilko-Sascha Kowalczuk sowie die Politikwissenschaftlerin Dr. Sandra Pingel-Schliemann. Das Gespräch moderierte der sächsische Landesbeauftragte für die Stasi-Unterlagen Michael Beleites.

21. Bautzen-Forum


In seinem einführenden Vortrag entwickelte Joachim Gauck die Idee einer „Kultur der Erinnerung“. Diese sei für den Umgang mit der DDR-Vergangenheit wichtig, ja unausweichlich. Die LINKE, so Gauck weiter, brauche ein „Inneres ’68“, eine intensive und kritische Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte. Sie müsse nach der moralischen Schuld von allen fragen und nicht nur bei einzelnen ‚eindeutigen Fällen verharren. Auch über die LINKE hinaus sei die „innere Einkehr“ jedes Einzelnen wichtig und das Gespräch miteinander unvermeidlich. Nur auf diesem Weg sei wirklicher Dialog, wirkliche Reue und wirkliches Vergeben möglich. Dies sei ein schwieriger Weg, doch lohne es, ihn zu gehen. Denn er führe zu einer politisch emanzipierten und demokratisch geschulten Haltung, die heute gleichermaßen wichtig sei.

In der Diskussion betonte Kowalczuk generell den Diktaturcharakter der DDR und ihren Anspruch auf Durchherrschung, der in allen gesellschaftlichen Schichten gewirkt habe. Die Verurteilung durch sowjetische Militärtribunale, die berüchtigten Stasigefängnisse in Bautzen und anderswo, das Auf-Linie-Bringen in der NVA oder das Unmündigmachen in den sozialistischen Schulen – all dies seien Formen von Gewalt und Willkür gewesen, wenn auch in unterschiedlicher Gestalt und Voraussetzung für das Funktionieren der „Mitläufergesellschaft“. Die späten 1940er und die 1950er Jahre waren eine Zeit des „bekennenden Terrors“. Später, als es um die internationale Anerkennung der DDR ging, nahm die physische Gewalt zwar ab, jedoch wurden die psychischen Druckmittel verfeinert und ausgebaut. In der Stasi-Sprache hieß dies „Zersetzung“, eine „Bestrafung und Verfolgung ohne Urteil“, so Pingel-Schliemann. Diese seit Mitte der 1970er Jahre verstärkt eingesetzte Form der Repression wurde auf alle oppositionellen Kräfte angewandt. Das Perfide an dieser Vorgehensweise war, dass sie sich auf den Privatbereich orientierte, dass die Betroffenen individuell ausgekundschaftet und „zersetzt“ wurden. Ziel war es, bei den Oppositionellen Lebenskrisen hervorzurufen und sie dadurch in ihren Aktionen zu schwächen. Selbsttötungen wurden dabei in Kauf genommen.

An diese Diskussionsrunde schloss sich der Vortrag von Stephan Hilsberg an. Der Mitbegründer der SDP im Oktober 1989 in der DDR entwickelte am Beispiel seiner Biographie eine Geschichte der DDR, in der individuelle Entwicklungen immer wieder durch Macht und Willkür beeinflusst, ausgebremst und beschnitten wurden.

Das abschließende Podiumsgespräch beschäftigte sich mit der heutigen Perspektive auf die DDR zwischen kritischer Distanz, Verklärung und Faszination. Dabei diskutierten Prof. Ines Geipel, frühere DDR-Leistungssportlerin, Ulrike Poppe, Stasi-Beauftragte in Brandenburg, der ZEIT-Journalist Christoph Dieckmann und der Parlamentarische Staatssekretär a.D. Ulrich Kasparick. Ein großes Problem bei der Erinnerung an die DDR, so die Diskussionsteilnehmer, sei die zweigeteilte Wahrnehmung vieler Ostdeutscher. Es gäbe eine positive Erinnerung an das Leben mit Freunden und Familie und auf die eigene Lebensleistung und zugleich Angst, dass diese entwertet werde, sagte Kasparick. Daneben existiere eine offizielle Erinnerungskultur, die das Bild einer repressiven DDR zeige, und das in Gedenkstätten und im Schulunterricht vermittle. Eine sinnvolle Aufklärung dürfe die Bilder nicht gegeneinander auszuspielen, sondern müsse sie verbinden. Dieckmann merkte dazu an, „Jeder, der die DDR verteidigt, verteidigt sich selbst“. Ines Geipel sagte, es fehle vielfach eine kritische Auseinandersetzung mit der DDR in den Medien, zudem sei das Thema noch nicht in den alten Bundesländern angekommen, aufarbeiten im Osten müsse auch Aufarbeiten im Westen heißen.

Die Broschüre zum 21. Bautzen Forum können Sie hier als pdf ansehen.

Zurück Zurück

Partner:
 

Bundesstiftung AufarbeitungDie Bundesbeauftragte für die Unterlagen deStaatssicherheitsdienstes der ehemaligen DeutschenDemokratischen RepublikFreistaat Sachsen

 

Weitere Kooperationen:
 

Zentrum für zeithistorische Forschung PotsdamHumanities, Sozial- und Kulturgeschichte