Die Herbstrevolution 1989 als Kirchentagsthema.

10 Überlegungen von Heino Falcke

Am 19./20. September 2009 fand in Weimar der 1. Mitteldeutsche Kirchentag statt, veranstaltet durch die Landesausschüsse des Kirchentags Thüringen und Sachsen-Anhalt. Der regionale Kirchentag stand im Zeichen des 20-jährigen Jubiläums der Friedlichen Revolution und trug die Überschrift "Jetzt ist die Zeit".
Im Vorfeld dazu verfasste Heino Falcke, Altpropst und bedeutender Denker der evangelischen Kirchen in der DDR, einen Text, in welchem er die Ereignisse der Friedlichen Revolution mit einem Blick zurück und voraus aus evangelischer Perspektive reflektiert.

Die Herbstrevolution 1989 als Kirchentagsthema.

Propst i.R. Dr. Heino Falcke



1. Wie geht ein Kirchentag mit der Erinnerung an den Herbst 1989 um?

Einem Kirchentag ein historisches Datum als Thema zu geben, enthält eine große Schwierigkeit. Zwar wird sich der Kirchentag an dem allgemeinen Gedenken beteiligen müssen, denn Gedenken ist immer auch von aktuellen Interessen geleitet, an deren kritischer Diskussion der Kirchentag teilnehmen muss. Damit erreicht der Kirchentag aber nur einen sehr begrenzten Ausschnitt seiner potentiellen Teilnehmer. Ein Kirchentag hat seinen Brennpunkt aber stets in aktuellen Herausforderungen, Streitfragen, Ängsten und Hoffnungen. Thematisiert er sie, so wird die Herbstrevolution 89 mehr oder weniger nur als Hintergrundsfolie vorkommen.

Der Kirchentag muss das nicht nur bei den Veranstaltungsinhalten, sondern auch bei den Veranstaltungsformen bedenken.

Bei diesen Überlegungen hat sich der Kirchentag des spezifischen Blicks zu vergewissern, mit dem die christliche Gemeinde ihre Geschichte sieht: Sie sieht die Ereignisse vor 20 Jahren als ein Geschehen in unserer Geschichte mit Gott und sucht erinnernd im Licht des biblischen Zeugnisses zu verstehen, was ER uns mit diesem Geschehen heute zu sagen hat. So verbinden sich in dieser Sicht das gestern, heute und morgen. Sie wehrt einer subjektivistisch-individualistischen Geschichtsvergessenheit ebenso wie einer Instrumentalisierung der Geschichte zur Selbstlegitimation.

2. Der politische Umbruch in der DDR und Osteuropa ist zuerst Grund zur Dankbarkeit und zum Gotteslob.

Historisch gesehen war der Herbst 1989 Revolution, Implosion und Improvisation.

Der Überraschungscharakter, den die Ereignisse für alle Beteiligten hatten ("Wahnsinn!"), ist ein Zeichen und Hinweis ( natürlich kein Beweis ) dafür, dass nicht wir die Geschichte in der Hand haben und ihre durchschauten Gesetze exekutieren könnten ( so der "historische Materialismus" ), sondern wir mit unserer Geschichte in Gottes Hand sind. Die Friedensgebete – wie sie auch gestaltet und von den Beteiligten verstanden wurden – waren als solche ein Zeugnis für diese Wahrheit des Glaubens. Diese bewahrt nicht nur vor Selbstruhm, vor dem Streit der Eitelkeiten und der Instrumentalisierung des Geschehens für politische Interessen. Sie stellt uns die Frage, wie wir als Christen und Kirchen mit Geschichte umgehen. Wir haben subjektivistischer und individualistischer Geschichtsvergessenheit ebenso zu wehren wie einer Vermessenheit, die "im Regimente" der globalisierten Welt zu sitzen meint.

3. Die Dankbarkeit entfaltet sich inhaltlich für die einzelnen, für unser Volk und für die Kirche unterschiedlich. Einmütig werden wir dafür danken können,

-dass der hochriskante Ost-West-Konflikt gewaltfrei zu ende ging und die Revolutionen in Osteuropa überwiegend gewaltfrei verliefen.

- dass uns Deutschen nach der Kriegsfolge der Teilung die Vereinigung geschenkt wurde unter Zustimmung aller durch die deutsche Kriegsschuld schwer betroffenen Völker.

- dass bei allem Versagen von Kirchen und Christen, in aller Bedrängnis und Verführung Gottes Geist in der Kirche wirksam war, Gottes Wort Glauben weckte, sich als Stärkung, Wegweisung und Tröstung erwies, zu tapferem und treuem Lebenszeugnis ermutigte, wahres Leben mitten im falschen nicht nur unter Christen erschloss und es so möglich wurde, dass die Selbstbefreiung des Volkes im Herbst 1989 von christlichen Gruppen und Gemeinden aus ihren Anfang nahm.

4. Zur Dankbarkeit gehört in der jüdisch-christlichen Erinnerung das Einsehen und Eingestehen des eigenen Versagens. Da das Eins-Werden darin schwerer ist als das Eins-Werden im Dank, für die Zukunft der Kirche aber beides unerlässlich ist, wären Gesprächsgänge zu dieser Frage auf dem Kirchentag besonders wichtig.

Zu denken ist dabei z.B.an die Konflikte zwischen den gesellschaftskritischen Gruppen und den Kirchenleitungen besonders, aber nicht nur in Thüringen und an die ostdeutschen Erfahrungen mit dem Beitrittsprozess, dessen Einschätzungen sich zwischen "Supergau deutsche Einheit" (Uwe Müller) und der Apologetik des Gelingens (Richard Schröder) bewegen.

Es ist zu überlegen, welche Veranstaltungsformen im Kirchentag für Dankbarkeit und Schulderkenntnis die geeignetsten sind. Sollten es nicht Formen der Liturgie sein, in der Erzählen und Klagen, Versöhnung der Erinnerungen, Feiern der Befreiung, Gloria und Kyrie Raum bekommen?

Erinnern in Dankbarkeit und selbstkritischer Einsicht vor Gott wirft Licht auf unsern Weg heute:

5. Wie sehen wir den Weg der Kirche heute auf dem Hintergrund des Herbstes 1989?

Sind wir nach dem Schock der Minorisierung auf dem Weg, eine Kirche zu werden, die nicht nur Mission treibt, sondern Mission ist, wie das die Kirchen in der DDR in den sechziger Jahren einmal von der ökumenischen Bewegung gelernt hatten?

Im Herbst 1989 kam die Kirche durch ihr öffentliches Zeugnis in den Brennpunkt des politischen Geschehens, wo es um Wohl und Wehen des Menschen ging. Wo ist die Kirche, die jetzt alle Möglichkeiten öffentlichen Zeugnisses hat, heute, wo es auch um Wohl und Wehe des Menschen geht?

Wie lebt die Kirche, die sich einst als "Kirche im Sozialismus" verstand, und die inzwischen das Wahre und das Falsche daran kritisch diskutiert hat, ihre Präsenz in der Gesellschaft des vereinten Deutschland.

§ Wie sieht die "kritische Solidarität", die Kirchen in der DDR zu leben versuchten, für die Kirche aus, die sich als "Kirche der Freiheit" versteht?

§ Wie lernen die Christen und Kirchen, die aus der "Einheitsgesellschaft" der "Sozialistischen Einheitspartei" kommen, das Leben in der pluralistischen, multikulturellen und multireligiösen Gesellschaft?

6. Die Herbstrevolution 89 war – mindestens in ihren Anfängen – geprägt durch die Selbstbefreiung des Volkes. Das Volk machte sich aus einem Objekt zum Subjekt von Politik. Menschen überwanden die Spaltung ihrer Existenz in eine angepasst öffentliche und nur privat widerständige Existenz, sie wurden in der Öffentlichkeit mit sich selbst identisch in aktiver politischer Beteiligung. "Wir sind das Volk!" war das Urwort des "osteuropäischen Bürgerfrühlings" (T.G. Ash), und der damit aus der osteuropäischen Zivilgesellschaft aufkeimenden Demokratie.

Diese Erinnerung muss auf dem Kirchentag Diskussionen darüber provozieren, wie es um die demokratische Kultur unserer Gesellschaft heute bestellt ist und welche Impulse zu ihrer Förderung aus dem "Bürgerfrühling" im Herbst 89 zu gewinnen wären.

7. Die Freiheit, in der und zu der die Initiativen und Gruppen im Frühherbst 1989 aufbrachen, hatte entsprechend zu den Themen der Gruppen konkrete Inhalte und Zielsetzungen: Frieden, Umwelt, mehr Demokratie in der DDR und Gerechtigkeit für die dritte Welt. Die bürgerlichen Freiheiten, Meinungsfreiheit, Redefreiheit, Versammlungsfreiheit und Demonstrationsfreiheit waren Freiheiten, die man sich nahm und die so auch strittig wurden, sie waren aber nicht die Inhalte, für die man stritt. Nach dem politischen Umbruch wurden die Friedens-, Umwelt- und Dritte-Welt-Gruppen unter dem Begriff der "Bürgerrechtler" subsumiert und so in den Gegensatz "Freiheit contra Sozialismus" vereinnahmt. Die inhaltlichen politischen Ziele wurden verdrängt oder als politisch irrelevanter Illusionismus/Utopismus abgetan.

Die Erinnerung des Kirchentages an den Herbst 89 muss dahinter zurückgehen und nach den Inhalten und Zielen des freiheitlichen Aufbruchs fragen. Das hat nicht nur historische, sondern auch aktuelle Gründe. Denn Freiheit wird zu Lebenswirklichkeit und gesellschaftlich- politischen Realität als Freiheit- von und Freiheit- für, und damit als eine Freiheit, die sich an Werte, ethische Maßstäbe, humane Kriterien, politische Zielsetzungen bindet.

8. Die christlich-kirchlich motivierten Protagonisten der Herbstrevolution, die sich vor allem in der "Ökumenischen Versammlung der Kirchen für Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung" sammelten, gingen von einem globalen Krisenszenario aus. Die Eskalation der Rüstungssysteme, der weltwirschaftlichen Ungerechtigkeit und der Umweltzerstörung verdichteten sich zu einem Krisensyndrom, auf das die christliche Ökumene 1983 mit dem "Konziliaren Prozess für Gerechtigkeit, Frieden und Integrität der Schöpfung" antwortete. Die christliche Ökumene in der DDR zusammen mit den gesellschaftskritischen Gruppen rückten den Veränderungsstau der DDR, der in den achtziger Jahren aufwuchs, in diesen globalen Problemhorizont und formulierten von da aus ein gesellschaftliches Veränderungsprogramm für die DDR. Die Globalisierung als Kontext des politischen Handelns war also damals schon voll im Bewußtsein der Vordenkenden. Dieses Problembewußtsein verhielt sich jedoch zum Mehrheitsbewußtsein der DDR-Bevölkerung ungleichzeitig. Im Prozess der deutschen Vereinigung wurde es durch das Glück und mehr noch durch den Stress des Vereinigungsalltags in den Hintergrund verdrängt. Erst durch die Ereignisse der letzten Jahre ist die Globalisierung als uns betreffender und herausfordernder Problemzusammenhang ins öffentliche Bewusstsein getreten:

-Der Weltfriede durch den internationale Terrorismus und die Auslandseinsätze der Bundeswehr.

-Die Weltwirtschaft durch wachsende Armut auch in den reichen Ländern, Arbeitslosigkeit, Krisen des internationalen Finanzmarktes.

-Das Welt-Umweltproblem durch Klimawandel und Ressourcenverknappung.

Die Herbstrevolution 1989 war in ihrem Aufbruch globaler als die darauf folgenden Vereinigungsdebatten. Der Streit zwischen denen, die die Herbstrevolution im status quo der deutschen Einheit erfüllt sehen, und denen, die den status quo ante in der sozialistischen Provinz idealisieren, bleibt hinter dem Aufbruch des Herbstes 1989 zurück, der uns in die globalisierte Welt mit ihren großen Gefahren und gewaltigen Gestaltungsaufgaben katapultiert hat. Dafür sind nach wie vor die drei vorrangigen Optionen für die Armen, für Gewaltfreiheit und für Schöpfungsbewahrung, welche die Ökumenische Versammlung aussprach und die von allen DDR-Kirchen feierlich rezipiert wurden, maßgebend.

Am Rande: Was könnte das für die Akteure von damals bedeuten?

Nicht, dass die einen rechthaberisch sagen: Haben wir damals doch alles schon gewusst und gesagt! Nicht, dass die anderen enttäuscht sagen: Das haben wir nicht gemeint und gewollt, wie gemütlich war es doch in der sozialistischen Provinz hinter der Mauer, so etwas brauchen wir wieder!

Sondern: Die einen: Jetzt erst begreifen wir, in welche Verantwortung wir durch unsere Selbstbefreiung hineingewachsen sind. "Wir sind das Volk", in dem Ruf steckte schon damals ohne dass wir es ahnten: "Wir sind Weltbürger." Jetzt stehen wir dazu. Die anderen: Ein Glück, dass wir die Einheit haben, die wir damals noch hinausschieben wollten, um einen Wandel der Systeme statt ihrer bloßen Auswechselung zu erreichen. Nicht in einer Diktatur, nur in einer Demokratie mit freiem Meinungsstreit ist der Systemwandel erreichbar. Die Dritten: Ja, die Einheit musste schnell kommen, aber wir schlitterten dabei in neoliberale Globalisierungspraktiken und andere Defizite hinein.

Könnten sich die Erinnerungen der damals zerstrittenen Akteure etwa so versöhnen lassen?

9. Ein Charakteristikum der Herbstrevolution wird allgemein für exemplarisch gehalten: Ihre Gewaltfreiheit. Wir wissen heute, dass sie auch durch die Implosion und Schwäche des SED-Regimes ermöglicht war. Gleichwohl ist sie zusammen mit den Beispielen des Prager August 1968 und der Revolutionen in den osteuropäischen Ländern 1989 ein deutliches Signal, dessen aktuelle Bedeutung ins Bewusstsein gehoben werden muss.

Der Kirchentag sollte eine Arbeitsgruppe zu Erfahrungen, Bedingungen und Chancen der Gewaltfreiheit bilden, in der die Erinnerung an den Herbst 89 mit aktuellen Informationen und Übungen verbunden wird.

10. Eine der aktuellsten und bedrängendsten Fragen für den Kirchentag aber dürfte die "vorrangige Option für die Armen" sein. Der Kirchentag muss sich der Frage stellen, die viele Menschen in wachsender Betroffenheit ganz elementar stellen: Hat die Herbstrevolution 89, die den Sozialismus als ökonomisches Konzept und politische Macht beseitigte, damit letztlich dem globalisierten Kapital zur Macht verholfen? Ist damit die moderne Freiheitsgeschichte, deren kapitalistische Deformation die sozialistische Bewegung zu korrigieren versuchte, in der Gefahr, hinter diese Korrekturen zurück zu fallen? Ein Kirchentag, der die Erinnerung an die Herbstrevolution 1989 thematisiert, muss in dieser Frage deutlich Stellung beziehen. In dem Aufruf "Fair teilen statt sozial spalten", der auf den ökumenischen Kirchentag 2010 zielt und seinen Ausgangspunkt auch in Thüringen hat, heißt es: "Wir wünschen uns einen Ökumenischen Kirchentag, auf dem klare Forderungen für mehr Gerechtigkeit zwischen Arm und Reich und für die Bewahrung der Schöpfung offen diskutiert werden – ohne falsche Rücksicht auf politische Ausgewogenheit und gesellschaftliche, aber auch kirchliche Machtstrukturen." (Publik-Forum 17/2008, 17) Das sollte auch schon für den Thüringer Kirchentag 2009 gelten.

 

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