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Wann wächst zusammen, was zusammen gehört?

Erneute Runde im Streit um die Bewertung der DDR

Oh, wie schön ist...

Oh, wie schön ist... © Wochenschau Verlag

Die Politologen Monika Deutz-Schroeder und Klaus Schroeder haben die wichtigsten Ergebnisse der kontrovers diskutierten Schülerbefragung und eine kommentierte Auswahl aus den über 4000 Zuschriften, Leserbriefen, Internet- und Zeitungsbeiträgen sowie teilweise wütenden Reaktionen zur Studie in ihrem neuen Buch "Oh, wie schön ist die DDR" zusammengefasst.

Dieses Buch hat eine Vorgeschichte. Am Anfang stand eine Studie mit dem Titel "Soziales Paradies oder Stasi-Staat? Das DDR-Bild von Schülern - ein Ost-West-Vergleich" aus dem Jahr 2008, die klären sollte: Was wissen ost- und westdeutsche Schüler über die DDR? Herausgekommen ist dabei, was sie alles nicht wissen.

Der Forschungsverbund SED-Staat der Freien Universität Berlin hatte über 5000 Schülerinnen und Schüler aus den Klassen 9 bis 11 in vier Bundesländern befragt, Jugendliche also, die allesamt erst nach dem Zusammenbruch der DDR geboren wurden.

Etliche der 16 und 17 Jahre alten Jugendlichen gaben an, dass Willy Brandt und Konrad Adenauer DDR-Politiker waren. Dass es unter Erich Honecker demokratische Wahlen gab. Dass die Stasi ein harmloser Geheimdienst war. Die Mehrheit aller Schüler wusste nicht, wer die Mauer gebaut hat - viele tippten auf die Bundesrepublik oder die Alliierten. Ein Drittel bis zur Hälfte der Befragten konnten beim Vergleich von Bundesrepublik und DDR nicht klar zwischen Demokratie und Diktatur unterscheiden.

Nach der Veröffentlichung der Ergebnisse der Schülerbefragung in Bayern, Berlin, Brandenburg und Nordrhein-Westfalen wurden diese und weitere Wissenslücken heftig in den Medien diskutiert ebenso wie die Durchführung der Studie an sich. Berlins Bildungssenator Jürgen Zöllner (SPD) gab sogar ein Gutachten zur Überprüfung der Berliner Ergebnisse in Auftrag.

Im Buch "Oh, wie schön ist die DDR" werden die Ergebnisse der Studie noch einmal vorgestellt und durch die Reaktionen und Kommentare, die die Herausgeber nach der Veröffentlichung der Studie hauptsächlich aus Ostdeutschland erhielten, ergänzt. Den Herausgebern geht es dabei um die "Dokumentation der Bandbreite", wie in den Antworten "über die DDR sowie das geteilte und wiedervereinte Deutschland gesprochen wird" (Zitat aus der Einleitung), um das Meinungsklima zu verdeutlichen, mit dem Jugendliche zum Thema DDR und wiedervereintes Deutschland konfrontiert werden.

Ein Großteil der mitunter stark gekürzten abgedruckten Reaktionen erscheint als eine recht einseitige Auswahl, die das Bild des Mecker-Ossi bestätigt. Die tendenziös gewählten Überschriften zu jeder abgedruckten Meinung und die persönliche Betroffenheit, mit der über die Bewertung der deutsch-deutschen Geschichte gestritten wird, zeichnen einen tiefen Graben zwischen Ost- und Westdeutschen auf.

Während die einen den Diktaturcharakter des Systems hervorheben, steht für die anderen die Normalität des Alltäglichen im Vordergrund. Die von Politikern und Wissenschaftlern vorgenommene Trennung zwischen System und Lebenswelt findet sich in den Zuschriften kaum wieder.

Da verwundert es nicht, dass nur 10% der über 4000 Zuschriften die Verklärung der DDR beklagen, während etwa 90% die positiven Seiten der DDR hervorheben.

Und es verwundert auch nicht, dass ausgerechnet Schüler in Brandenburg und Ost-Berlin über den Staat, in dem ihre eigenen Eltern und Großeltern wohnten, am wenigsten wussten.

Denn das DDR-Bild der Ost-Schüler prägen vor allem Familie, Freunde und Medien. Auch der Hamburger Geschichtsprofessor Bodo von Borries kam in der von Berlins Bildungssenator Jürgen Zöllner aufgetragenen Überprüfung der Studie zu der Erkenntnis, dass die Schulen nur sehr bedingt gegen das Geschichtsbild ankommen, das ostdeutschen Schülern im Alltag durch Familie und Freunde vermittelt werde.

Und so ist zum Teil erklärbar, warum ostdeutsche Schüler mit breiter Mehrheit die "soziale Seite" der DDR loben, denn in der Familie steht kein Faktenwissen sondern das gelebte Leben im Vordergrund. Das kommunikative Gedächtnis der Ostdeutschen vermittelt ein anderes und vor allem einprägsameres Bild der ehemaligen DDR. Dies sollten sich Medien, Politik und Schulen zunutze machen, um das Wissensdefizit der "Nachgeborenen" auszugleichen, beispielsweise durch die Zusammenarbeit mit Zeitzeugen und den Besuch von Gedenkstätten.

Dann gehört vielleicht schon eher zusammen, was zusammen gehört, als sich das so manch einer vorstellen kann.

Ellen Koth


Monika Deutz-Schroeder, Klaus Schroeder: Oh, wie schön ist die DDR. Kommentare und Materialien zu den Ergebnissen einer Studie. Wochenschau Verlag, Schwalbach/Ts., 2009. 208 Seiten, 14,80 EUR.

ISBN 978-3-89974538-2

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Kommentare

Siggi    (04.02.2010 16:42h)
Man stelle den Schülern doch bitte einmal die Frage, wie sie sich erklären können, dass die Mehrheit ihrer Eltern und Großeltern das Ende der DDR und die Einheit mit dem westlichen Teil Deutschlands wollte. Viele sind abgehauen, andere haben eine Revolution entfacht und die allermeisten haben später für die deutsche Einheit gestimmt. "Kommt die D-Mark nicht zu uns, gehen wir zu ihr!" Die SED-PDS-Linke demonstrierte sogar mit einem Plakat, das den Willen selbst der Genossen aus diesen Reihen auf den Punkt brachte: 1:1.
Das Wahlergebnis vom 18. März 1990 war doch eine eindeutige Willensbekundung eines inzwischen mündig gewordenen Volkes. Oder irre ich mich? Und die anschließende Verschmähung der damals selbst hergestellten Produkte - man braucht nur den Trabbi nenen - tat doch sein Übriges. Oder irre ich mich?
Meiner Meinung nach wirkt die Popaganda, die massiv weit über 40 Jahre während drei Diktaturen (NS-Zeit, sowj. Besatzung, DDR) auf die Menschen eingewirkt hat, im Rückblick verklärend nach. Und es gibt heute kaum Massenmedien, die dieses wieder gerade rücken. Im Gegenteil: es werden die Meldungen produziert, die am leichtesten aufgenommen werden. Die Marktwirtschaft ist nicht mit Demokratie zu verwechseln. Letztere tritt nicht automatisch ein und ohne Freiheit der Individuuen eines Volkes funktioniert gar nichts.
Heute müsste sich die DDR nicht nur von der "BRD" abschotten, sondern auch von Polen, Tschechien und Skandinavien. Ein solcher Staat würde in seinem eigenen Mief qualvoll ersticken.

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