Solidarność – der Auftakt der Revolutionen

Solidarnosc = Solidarität

Solidarität – ein Begriff wird lebendig und verändert die Welt

Die Revolutionen in Osteuropa kamen nicht aus dem Nichts. Es hatte immer wieder Proteste gegen die kommunistische Herrschaft gegeben. Doch Aufstände wie 1956 in Ungarn oder der Prager Frühling 1968 wurden gewaltsam zerschlagen. Aufbruchstimmung war in den osteuropäischen Staaten nur ein vorübergehender Hoffnungsschimmer – ohne dauerhafte Erfolge. Ein Aufstand aber war anders als alle anderen. Und dieser Protest sollte fortleben.

Es begann im Sommer 1980, als sich die kommunistische Regierung gezwungen sah, die Fleischpreise zu erhöhen. Das war eine unpopuläre Maßnahme, gegen die sich rasch Widerstand regte. In Lublin wurde bereits im Juli die Arbeit niedergelegt. Langsam breitete sich eine Streikbewegung aus, die anfangs jedoch noch regional begrenzt zu sein schien. Wenig deutete auf einen nationalen Flächenbrand hin. Zu dem kam es dann jedoch, als sich die Führung der Leninwerft in Danzig am 7. August 1980 entschlossen hatte, die Kranführerin Anna Walentynowicz fünf Monate vor ihrer Pensionierung zu entlassen.

Anna Walentynowicz war keine Unbekannte. Sie zählte zu den Symbolfiguren der Streikbewegung von 1970, die mit massiver Gewalt niedergeschlagen worden war. Mehr als 40 Menschen verloren damals ihr Leben, über Tausend wurden verletzt. Die Entlassung der Kranführerin war insofern ein symbolischer Akt, denn sie erinnerte an eine schmerzhafte Erfahrung: an die Kämpfe und an die Toten von 1970.

Von den Streikenden der Leninwerft in Danzig sprang zehn Jahre danach im August 1980 ein revolutionärer Funke über. Es war der fulminante Auftakt einer Umbruchstimmung im Land. Nachdem das Streikkomitee unter der Führung von Lech Walesa beschlossen hatte, auf die Konzessionen der Werft nicht einzugehen, den Streik einfach fortzusetzen und Reformen zu fordern – darunter die zentrale Forderung, unabhängige Gewerkschaften zuzulassen –, schlossen sich zahlreiche Betriebe dem unabhängigen Streikkomitee an. Kritische Intellektuelle und weite Teile der katholischen Kirche unterstützten die Streikenden, so dass die Regierung unter Zugzwang geriet. Im Danziger Abkommen vom 31. August gab sie der Forderung nach unabhängigen Gewerkschaften nach. Damit war der Weg frei für die Gründung der Solidarność am 17. September 1980. Lech Wałeşa war ihr erster Vorsitzender.

Innerhalb eines Monats hatten die Danziger Arbeiter durch die breite Unterstützung in der Bevölkerung "die Regierung aufs Kreuz gelegt", wie György Dalos in seinem Buch über "Das Ende der Diktaturen in Osteuropa" schreibt. Und innerhalb eines Jahres war die Mitgliederzahl der Solidarność auf unglaubliche zehn Millionen Mitglieder angestiegen. Sie hatte damit fünfmal so viele Mitglieder wie die herrschende Polnische Arbeiterpartei. Zum Vergleich: die größte bundesdeutsche Partei, die SPD, hatte auf dem Höhepunkt ihrer Popularität, Mitte der siebziger Jahre, eine Million Mitglieder. Dass eine unabhängige Gewerkschaft in einem kommunistisch organisierten Staat, der sich als Arbeiterstaat verstand, eine so breite Unterstützung auf sich ziehen konnte, war ein überdeutliches Zeichen für den Vertrauensverlust der herrschenden Partei.

Die Staatsführung antwortete mit Gewalt. Der militärische Arm der Partei unter General Jaruzelski riss die Macht an sich. In der Nacht vom 12. zum 13. Dezember 1981 besetzten die Militärs zentrale gesellschaftliche Einrichtungen wie den Rundfunk und Behörden. Der Ausnahmezustand wurde erklärt, die Solidarność verboten, zahlreiche ihrer Mitglieder und oppositionelle Intellektuelle wurden verhaftet und in Internierungslager gesperrt. Ausgangssperren nach 22 Uhr, Fernsehmoderatoren in Uniform und leere Regale in Lebensmittelläden prägten das Bild. Der Kriegszustand endete im Juli 1983. Die wirtschaftlich katastrophale Lage aber hielt an und die Regierung operierte in einem luftleeren Raum, da sie jeglichen politischen Kredit verbraucht hatte.

Die katholische Kirche und die verbotene Solidarność bildeten die realen und symbolischen Rückzugsräume der Bevölkerung. Die Kirche sei damals der "einzige pluralistische Ort im Kommunismus" gewesen, erläutert Marek Prawda, Solidarnośćmitglied in den 1980er Jahren und heute polnischer Botschafter in Deutschland. Die Kirche hatte nicht nur eine wichtige Vermittlerrolle in den konfliktreichen Jahren, sie repräsentierte auch die Kontinuität eines anderen Polen, das Jahrhunderte der Fremdherrschaft überdauert hatte.

Ein entscheidender Grund dafür, dass im Herbst 1988 erste Anzeichen für Verhandlungen zwischen Regierung und Opposition möglich waren, war neben dem Wirtschaftskollaps die Tatsache, dass die Solidarność überlebt hatte. Sie hatte den Kriegszustand und die Illegalität im Exil und im Untergrund überlebt – und sie überlebte schließlich noch das System, aus dem sie hervorgegangen war. Die Solidarność war zwar verboten worden, aber ihr Aufstand hatte im Untergrund geschwelt, bis die kommunistische Regierung ihre illegalen Vertreter im Februar 1989 an einen runden Tisch bat.  

Dieser Runde Tisch hatte tatsächlich keine Ecken. Die polnische Privatfirma Henrýkow, die schon den Thron des Papstes hergestellt hatte, erhielt im Spätsommer 1988 von der kommunistischen Partei den Auftrag, einen solchen Tisch zu bauen. Ein wunderbares Möbelstück, das nicht nur den ausgeprägten Sinn für Stil in der Politik unterstrich, sondern zum Vorbild und zur Bildikone der Verständigungspolitik von 1989 wurde. Hier saßen sich zwei Monate lang ehemalige Feinde gegenüber und sie verhandelten friedlich über das zukünftige Polen.

Jochen Thermann

 

Zu diesem Thema veröffentlichen wir in den nächsten Tagen ein Interview mit Marek Prawda, dem polnischen Botschafter, sowie einige Besprechungen.

 

 

 

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