
Bundesarchiv Bild 183-1989-1203-003, Foto: Gabriele Senft
Der Dissident ist eine beinahe vergessene Gestalt, obwohl sein Handeln heroische Züge trägt. Denn der einzelne Andersdenkende forderte in den osteuropäischen Diktaturen mit seiner Meinungsäußerung die Staatsmacht heraus. Wo offene Worte verboten waren, entfalteten sie zuweilen unheimliche Wirkungen.
Für die Freiheit seines Geistes zahlte der Dissident einen Preis, den nicht jeder zu zahlen bereit war. Seine Schriften durften nicht erscheinen, Bildungswege waren ihm versperrt, er musste in Möbellagern oder als Gemüsehändler arbeiten. Geheimdienste beobachteten ihn so gut sie konnten. Sie interessierten sich sehr für ihn, für seine muskulären Bewegungen nicht weniger als für seine Denkbewegungen. Es galt schließlich "Zusammenrottungen" und "Landesverrat" zu verhindern.
Schon das Wort "Dissident" verrät etwas über den Charakter der sozialistischen Diktaturen, denn die Bezeichnung galt in den Jahrhunderten zuvor Protestanten, "Ketzern" und all jenen Freidenkern, die von einer religiösen Glaubenslehre abwichen. Auch die Partei hatte immer Recht, und damit das so blieb, mussten diejenigen zum Schweigen gebracht werden, die ihr nicht recht gaben. Der Dissident sah sich Schikanen ausgesetzt.
Der Schriftsteller Vaclav Havel zum Beispiel durfte in der CSSR keine weiterführende Schule besuchen, er arbeitete als Chemielaborant, Taxifahrer, Bühnentechniker und schrieb. Nach dem Prager Frühling wurden seine Werke verboten, Havel lebte auf dem Land und verdingte sich als Hilfsarbeiter bei einer Brauerei. Wegen seines Engagements als Bürgerrechtler wurde er in den 1970er und 1980er Jahren mehrfach inhaftiert und unter Hausarrest gestellt. Noch im Januar 1989, als er an einer Gedenkveranstaltung für Jan Palach teilnehmen wollte, der sich 20 Jahre zuvor wegen der blutigen Niederschlagung des Prager Frühlings aus Protest selbst verbrannt hatte, kam Havel wegen "Rowdytums" für neun Monate unter verschärften Bedingungen erneut ins Gefängnis.
Auch nach dem Stalinismus duldeten die Mächtigen keinen öffentlichen Widerspruch und erstickten ihn ohne Rücksicht auf das Ansehen oder den Gesundheitszustand der Person. Der Umgang mit Andersdenkenden hatte ein deutliches Muster. Kritiker wurden mundtot gemacht, indem man ihren sozialen Radius einengte – durch Verbannung, Hausarrest oder Haft. In der Sowjetunion wurde der Physiker und Friedensnobelpreisträger Andrej Sacharow, der sich von seinen Forschungen an der Atombombe abwandte und für Menschenrechte zu engagieren begann, zum Staatsfeind erklärt und 1980 nach Gorki, heute Nischni Nowgorod, an der Wolga verbannt, wo er unter Beobachtung des KGB von der Außenwelt isoliert wurde.
In Deutschland hat Jürgen Fuchs wie kein Zweiter Zeugnis abgelegt vom Leben eines Dissidenten. Dieses Zeugnis ist zugleich ein literarisches Werk und ein historisch-politisches Dokument, denn in seinen Texten schwindet die Distanz zwischen Leben und Literatur. Die Sprache der Unterdrücker, die Techniken der Verfolgung und die menschliche Sensibilität, die Repressionstechniken wahrzunehmen, formten seine Werke. Seine "Vernehmungsprotokolle" über die Haftzeit in Hohenschönhausen, die anlässlich seines zehnten Todestags wieder erhältlich sind, sind Aufzeichnungen, die er 1977 nach seiner Abschiebung in den Westen aus seinem Gedächtnis angefertigt hat. Wie verblüffend genau, teilweise im Wortlaut getreu Jürgen Fuchs die Vernehmungen im Gedächtnis behielt, hat die Öffnung der Stasiakten gezeigt.
Jürgen Fuchs war schon als Student mit dem staatlich verordneten Denken in Konflikt geraten. Fuchs baute die Nachstellungen des Staats direkt in seine Literatur ein, dokumentiere und verarbeitete literarisch, wie der lange Arm des Staats in Leben und Alltag eingriff und reizte die Organe der Partei damit umso mehr: "Wer kein Vertrauen zu uns hat, wird zur Rechenschaft gezogen. Zu uns: Da sind immer viel mehr gemeint als die gerade Anwesenden. ... Zu uns: Da sind immer ganze Mächte gemeint, Parteien, Regierungen, Körperschaften mit vielen Armen und Beinen, die weit greifen und sehr tief treten können."
Der Staat mit dem Körper eines vielarmigen Monsters, dieser ungeheure Tausendfüßler, folgte einem tradierten Bild. Mit dem biblischen Seeungeheuer Leviathan hatte schon Thomas Hobbes in seiner politischen Theorie den Staat verglichen, dem sich der Einzelne unterwirft und mit dem er sich besser nicht anlegt. "Wenn du deine Hand an ihn legst, so gedenke, daß es ein Streit ist, den du nicht ausführen wirst. Niemand ist so kühn, daß er ihn reizen darf; wer kann ihm sein Kleid aufdecken? und wer darf es wagen, ihm zwischen die Zähne zu greifen?", heißt es schon im Buch Hiob über den Leviathan. Etwas von der Furchtlosigkeit Hiobs hatte das Aufbegehren des Jürgen Fuchs, und zahlreich waren die Arme des Staatsungeheuers, um ihn zum Schweigen zu bringen. "Blitz und Donner der Deutschen Demokratischen Götter hatte er sich auf sein Haupt gezogen", sagte sein Freund Wolf Biermann – "durch einige kurze Prosastücke."
Die Reaktionen auf Fuchs' Literatur waren paranoid. 1975 von der Universität in Jena zwangsexmatrikuliert, 1976 verhaftet, 1977 Abschiebung in die Bundesrepublik. Ab 1982 erfuhr er in West-Berlin massive sogenannte "Zersetzungsmaßnahmen", das war der Name für eine psychologische Kriegsführung der Stasi, hinter der sich ein Heer von inoffiziellen und offiziellen Mitarbeitern verbarg, die daran arbeiteten, den Dissidenten psychisch zu zerrütten und sozial auszugrenzen.
Kammerjäger erschienen unangemeldet vor seiner Wohnungstür, um "Ungeziefer zu vernichten", Beobachtungsfahrzeuge standen stundenlang vor seinem Haus, sogar ein Doppelgänger von Rainer Eppelmann wurde in Szene gesetzt, um Fuchs bei einem Treffen zu irritieren und auszuhorchen. Die Maßnahmen der Staatssicherheit gegen den Dichter kulminierten in der Explosion einer Autobombe vor dem Wohnhaus des Dichters, weil Jürgen Fuchs den Kontakt zur DDR-Opposition hielt und ein zentraler Ansprechpartner und Impulsgeber blieb. Forschungen des BStU weisen zudem auf Pläne und Experimente der Stasi mit radioaktiver Strahlung hin und konnten den Verdacht nicht ausräumen, dass der seltene Blutkrebs, an dem Fuchs vor zehn Jahren starb, mit dem Terror der Stasi in Verbindung stehen könnte.
Jürgen Fuchs hatte etwas Unbedingtes und etwas Sanftes, eine aufmunternde Stimme und ein kompromissloses Urteil. Er konnte sehr genau zuhören und genauso gut schreiben. Das schätzten seine Freunde, das fürchteten seine Feinde. Dass er sich Tonfall, Haltung und Wortlaut der Funktionäre merken konnte, dass er die Methoden seiner Verfolger wiedergeben konnte, und zwar so, dass der Leser spürte, hier hat jemand den Unterdrückern die Sprache abgelauscht – ohne Wanzen und Aufnahmegeräte, sondern mit seinem menschlichen Gedächtnis –, auf diese Genauigkeit antwortete die Stasi mit Verfolgung. Im Falle von Jürgen Fuchs traten die Mechanismen, mit denen die DDR gegen Andersdenkende vorging, besonders deutlich zu Tage. Sein Leben steht wie kein zweites für das Unrecht der zweiten deutschen Diktatur.
Text: Jochen Thermann
Foto: Senft, Bundesarchiv
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